Nach einem langen Winter ist der Frühling endlich da und die Saison der Oldies kann beginnen. Am Sonntag, 30. Mai kommen 56 Ausfahrtsteilnehmer mit ihren gut gewarteten, frisch geputzten und polierten Schmuckstücken, aber leider bei strömendem Regen, in den Thurgau.


Links - Regen, ein Dauerthema bei der diesjährigen Ostschweizer Ausfahrt
Rechts - Altehrwürdiger Treffpunkt für altehrwürdige Fahrzeuge mit Stern: Wasserschloss Hagenwil bei Amriswil im Thurgau
Als Besammlungsort war das Wasserschloss Hagenwil bei Amriswil ausgewählt. Nicht nur im Schlossgraben war es sehr nass, denn es regnete, regnete und regnete in Strömen – so schade, dass wir die wunderschöne Landschaft mit Bergen, Hügeln, Obstplantagen, Wäldern, Feldern und Wiesen kaum sehen konnten, denn alles war in den Wolken oder im Nebel gefangen. Natürlich hat auch das seinen Reiz, aber nicht unbedingt für den MBVC mit seinen zahlreichen Cabriolets. Schade auch für Sonja und Kurt Schweizer (und ihre Helfer), die so viel Arbeit für die Planung und Organisation dieses Ausfahrtstages aufgewendet haben. Vielleicht besteht die Chance der Wiederholung auf einer leicht modifizierten Route im kommenden Jahr und natürlich mit der gewünschten Sonne.
Noch ein paar Bemerkungen zum Ort des Treffpunkts: Hagenwil ist eine der besterhaltenen Wasserburgen der Schweiz. Sie wurde vor Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut, später mehrfach erweitert und im Dreissigjährigen Krieg von den Schweden geplündert. Ende des 17. Jahrhunderts erwarb das Kloster St. Gallen die Burg und sie wurde als Erholungsort für seine Mönche genutzt. Bei der Auflösung des Klosters ging sie 1806 an den damaligen Verwalter Benedikt Angehrn und blieb seither im Besitz dieser Familie.

– Auftakt in würdigem Rahmen: Kaffeetrinken in der grossen Stube mit ihrer gewölbten Holzdecke aus dem 16. Jahrhundert
Der feine heisse Kaffee mit Gipfeli in den historischen Räumen auf Schloss Hagenwil tat uns allen jedenfalls sehr gut. Von Kurt wurden wir hier ganz herzlich willkommen geheissen. Die Roadbooks wurden verteilt und zusätzliche Erklärungen abgegeben. Trotz Regen gingen viele mit Jacke und Schirm bewaffnet die schönen «Schmuckstücke» anschauen. Bald war die Zeit für den Aufbruch gekommen und das Fachsimpeln und Erzählen hatte ein Ende. So fuhren 28 Oldies los, das älteste Modell ein 220 Cabriolet B aus dem Jahr 1952 von den Neumitgliedern Felix und Therese Weber. Vom Wasserschloss aus ging es Richtung Amriswil, dann über Erlen, Birrwinken, Dotnacht, Hugelshofen, Schwaderloh, Lipperswil, Raperswilen, Hörhausen nach Gündelhart ins Beggenstübli–Besenbeizli zu Moritz Geuggis und seiner Nachbarin Susi. Die gepflegten Dörfer mit den alten Fachwerkhäusern säumten die gewundenen Strassen und laden für ein nächstes Mal ein. Gündelhart ist eine sehr kleine Gemeinde mit nur 63 Einwohnern und gehört zum Bezirk Steckborn. Die malerischen Riegelhäuser liegen eingebettet in satt grünen Feldern und Wiesen. Das Dorfbild wird von der Kirche St. Mauritius mit ihrem charakteristischen Zwiebelturm geprägt. Der Apéro der Gündelharter Besenbeiz findet normalerweise auf der Dorfstrasse statt, aber wir waren ja am Testen der Scheibenwischer! Tolle Oldtimer-Traktoren hätten die Strasse geschmückt. In Anbetracht des strömenden Regens war Flexibilität von Nöten und der Apéro wurde kurzerhand in die Garage von Moritz disloziert. Dicht gedrängt wurden wir mit Apfelwein – pardon Thurgauer-Champagner – und geräucherten Spezialitäten verwöhnt. Sobald wir mit leiblichen Genüssen gesättigt waren, ging es vor die Tür; da und dort war rasch eine offene Motorhaube sichtbar. Es war eine fröhliche Stimmung unter allen MBVC-Mitgliedern und viel Wissenswertes wurde weitergegeben.

– Statt Oldtimer-Traktore und Tische säumen unsere im Regen stehen gelassenen Wagen die Dorfstrasse in Gündelhart



Links – Statt Oldtimer-Traktore und Tische säumen unsere im Regen stehen gelassenen Wagen die Dorfstrasse in Gündelhart
Mitte – An den Ostschweizer-Ausfahrten zur liebgewonnenen Tradition geworden: Sonja beim Verteilen der Präsente. Dieses Jahr gibt es leckern Cuvée Jean-Georges, wie der beste Apfelwein der Firma Möhl genannt wird
Rechts – Regen kann einen echten Oldtimer-Freund nicht davon abhalten, neugierige Blicke unter die Haube zu werfen
Schön aufgereiht, wie an einer Perlenkette gings weiter, an grossen Obstplantagen entlang Richtung Herdern und Oberstammheim. Dank des guten Vorfahrers (Kurt mit Pagode) konnte unser Konvoi auch durch eine Umleitung nicht durcheinander gebracht werden. Alle fuhren im zügigen Mercedes-Tempo hintereinander her bis zum Kundelfingerhof in Schlatt. Der Kundelfingerhof ist eine grosse Quellwasser-Forellenzucht. Der heutige Inhaber und Enkel des Gründers, Hermann Spiess, erzählte von den Anfängen der Fischzucht, die sein Grossvater auf die Beine gestellt hatte, von den Umwelteinflüssen und den daraus entstehenden Problemen, Strategien und Massnahmen, die ein Überleben des Betriebs gewährleisten. So wurde es beispielsweise notwendig, verschiedene Einnahmequellen zu erschliessen: Fischaufzucht und -haltung (nach IP-Richtlinien), Fischräucherei, Handel mit Süsswasser- und Meerfischen, Holzofenbrot-Backstube, Imkerei, Freilaufhühnerhaltung, Verkaufsladen auf dem Hof und in der Region (Märkte), Hofwirtschaft für kleine und grosse Anlässe übers Wochenende. Die angebotenen Speisen sind Spezialitäten, welche auf dem Hof selbst produziert werden. Zudem kann man in Gruppen an Rundgängen durch das 37 ha grosse Areal teilnehmen.

– Disziplinierte Zuhörer: Hermann Spiess erzählt die Geschichte und erklärt die Funktionsweise des Gundelfingerhofs




– In den zahlreichen Teichen werden die Fische – hauptsächlich Bach- und Regenbogen-Forellen sowie zunehmend Karpfen – aufgezogen, bis sie als leckere Speisen zubereitet auf den Tellern landen
Im ehemaligen Kuhstall wurde uns das Fisch- oder Fleischmenu serviert, das sicher allen mundete. Nach lebhaften Gesprächen und vielen neuen Eindrücken über eine wunderbar ländliche Schweizergegend näherte sich der Ausflugstag leider schon dem Ende entgegen, und – oh Wunder – es begrüsste uns die Sonne am teilweise noch wolkigen, aber von da an regenlosen Himmel. Ich nehme an, dass alle mit trockenem Unterboden und zufrieden zu Hause angekommen sind.
Den Organisatoren nochmals ein ganz herzliches Dankeschön für den tollen Tag. Wir freuen uns bereits jetzt auf die Ostschweizer Ausfahrt 2011.
Veröffentlicht am:
11:00:50 05.11.2010
Autor:
Maya Gerhard-Linsi
Letzte Aktualisierung
15:36:36 05.11.2010